Absturz in den Bergen - Protokoll eines Überlebenden

Wandern in den Bergen, der Untergrund gibt nach - Absturz. Für viele Wanderer der absolute Albtraum.

Hier ein Gastartikel von Thomas Riebschläger, meinem Vater, der genau das erlebt und überlebt hat.

28.06.2015, 14:24 Uhr: Talstation Funivia Airolo-Pesciüm 32°C windstill:

„1 x nur die Bergfahrt bitte!“ Die etwas schläfrige Kassiererin in ihrem hochsommerlich überhitzten Kassenhäuschen runzelt die Stirn. Es ist der erste Arbeitstag in diesem Jahr. Erst seit gestern ist die Seilbahn wieder in Betrieb.

„Sind sie sicher“, fragt sie, um Hochdeutsch bemüht und dennoch schwingt noch ein wenig von diesem kratzigen Schwyzerdütsch-Akzent mit, der mich kurz an meine letzte Halsinfektion denken lässt. „Sind Sie denn ausgerüstet?“

Der Rucksack zerrt mit 24 kg Gesamtgewicht an meinem Rücken und signalisiert mir unmissverständlich: Ja, ich bin ausgerüstet!

„Jawoll“, entgegne ich der Dame selbstzufrieden und denke mir „Genau, so fangen Abenteuer an!“

Sie murmelt noch leise etwas wie „„Isch vill Schnie hine dätä“ und schiebt mir meine Fahrkarte über den Drehteller.

 

1800 Meter über dem Meer: Die Almhochflächen von „Pesciüm“ werden gerade für den bevorstehenden Almauftrieb präpariert.

Komisch, der sollte doch laut Fremdenverkehrsinfo eigentlich schon längst erfolgt sein. Ich kratze meine wenigen Italienisch-Brocken zusammen und frage einen der Hirten, warum die Tiere in diesem Jahr so spät dran sind und erfahre, dass es bisher noch zu gefährlich war, weil durch die anhaltende Kälte im Frühjahr der Berg noch in Bewegung sei.

Hmmm, ich schaue mich um: Lieblich geschwungene, sattgrüne Blumenwiesen umgeben mich. Es ist ein höllisch heißer Tag, mit wolkenlosem Himmel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Bergwetterbericht ist sich sicher, dass es für den Rest der Woche genauso bleibt. Ideale Voraussetzung für die Durchquerung der „Cristallina“, jenem kalten Gebirgsmassiv rund um den „Basodino“ Gletscher.

Zelten Wildcampen in den Bergen Schweiz

29.06.2015, 8:20 Uhr: 

Die erste Zeltnacht oberhalb der Baumgrenze war grandios, auch wenn die Temperatur nach Sonnenuntergang sehr schnell auf 4-5 °C gefallen ist. 

Das ist der Atem des Gletschers, der am Abend die Bergflanken herunterkriecht. 

Aber mit der richtigen Kleidung und einem großen Pott Tee ist das kein Problem. Die tolle Aussicht auf das Gotthard-Massiv ist es wert.

Nun bin ich schon seit 20 Minuten auf dem beschwerlichen Weg hinauf zum Passo di Cristallina, dem Tor zur Gletscherwelt des Basodino. In den Alpen habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, die Anstiege, wann immer möglich, von der Nordseite der Berge her anzugehen. Diese sind auf Grund von Erosion und Witterungsverhältnissen meist deutlich schwerer begehbar als die sanfteren Südseiten, die ich mir immer gerne für den Abstieg aufspare. So kann ich eigentlich immer gewiss sein: Wenn ich den Anstieg geschafft habe, dann schaffe ich auch den Abstieg. 

Schon bald merke ich hier oben, was der Kuhhirte gestern meinte. Ich komme an einer frisch zerstörten Berghütte vorbei. Aus dem Gemisch von Geröll und Schnee ragen noch ein zerstörtes Spülbecken und die Lamellen eines Heizofens hervor. Wenig später stelle ich fest, dass auch den „offiziellen“ Weg zur Passhöhe das gleiche Schicksal ereilt hat. Also wähle ich meine Alternative quer über die weit geschwungene Schneefläche in der Talsohle und halte mich vorsorglich weit genug entfernt vom Schmelzwasserstrom, den ich  am dumpfen Dröhnen unter dem Schnee lokalisieren kann. 

 

29.06.2015, 11:41 Uhr 26°C, windstill: 

Ich erreiche die Passhöhe auf 2568 Metern Höhe ziemlich erschöpft. Bei Anstiegen in weichem Schnee hat man das Gefühl, dass auf jede zwei Schritte aufwärts wieder ein Schritt folgt, den man abwärts rutscht. Das geht auf die Kondition. Kurz überlege ich mir, in der Cristallina-Hütte einzukehren. Der Info-Flyer, den ich aus dem Kasten an der Türe ziehe, lässt jedoch kein Zweifel daran, dass die Preise der Schweizer Berghütten kein Spaß sind. 1 Übernachtung mit Halbpension und Dusche: umgerechnet 90 Euro!

Ich beschließe weiterzugehen und kaue einen Energy-Riegel.

29.06.2015, 12:05 Uhr 18°C, leichter Wind von Norden 

Wie eine Schlange windet sich der Saumpfad ca. 200 Meter oberhalb des Ufers eines halb vereisten Schmelzwassersees an der steilen Ostflanke eines Trogtales entlang. 

Unterhalb des Weges ist der gesamte Berghang noch schneebedeckt. Ein kilometerbreites Schneefeld fällt steil, in einem Winkel von gut 45°, geradewegs in das türkisblaue Wasser des Eis-Sees hinab.

Immer dort wo die Windungen des Weges in einen Einschnitt der Bergflanke zurückfallen muss ich die weit hinaufragenden Ausläufer dieses Schneefeldes queren. Der Schnee ist griffig und gibt den Bergstiefeln auch ohne Steigeisen sicheren Halt. Ich komme langsam voran, bahne mir vorsichtig den Weg über den Schnee und sichere mich immer wieder mit meinen Stöcken. 

 

29.06.2015, 13:05 Uhr 4°C 

Der Wind hat gedreht und weht jetzt von Westen her über den Gletscher heran. Es ist kalt geworden. Gut, dass ich trotz des schweißtreibenden Anstieges am Vormittag  die Merino-Unterwäsche angelassen hatte. 

Innerhalb von Sekunden ist die gesamte Oberfläche des Schneefeldes steinhart vereist.

Hinter mir knallt es wie von Peitschenhieben. Bis zu kühlschrankgroße Felsbrocken poltern auf dem Wegstück hinter mir die Schneehänge herunter, dort wo ich eben noch langgegangen bin. Der plötzliche Temperatursturz muss sie in Bewegung versetzt- vielleicht auch abgesprengt haben. 

Normalerweise wäre es angesagt, bei beginnender Vereisung sofort umzukehren und in der eigenen Wegspur zurückzulaufen. 

Nach Abwägung der Umstände beschließe ich, dass die zwei verbleibenden Schneepassagen die noch vor mir liegen, das geringere Übel darstellen. Die Gefahr durch den Steinschlag scheint mir doch sehr viel konkreter.

Unendlich mühsam muss ich mir jeden Schritt mit den Metallspitzen meiner Wanderstöcke aus der Eisfläche „pickeln“. Alle 15 Sekunden ein Schritt, abgesichert durch jeweils einen Stock, den ich zuvor unterhalb der Fußsohle in den Schnee gerammt habe. 10 Minuten für 10 Meter…. Noch ca. 300 Meter vor mir. Noch ein Schritt…, Hacken, Stampfen… Noch ein Schritt, Gewichtsverlagerung…

Eissee unterm Gletscher - tödliche Gefahr

29.06.2015, 13:14:07 Uhr 2°C, 2472 Meter. ü.d.M.

Es kracht laut; unterhalb meines Fußes bricht eine ca. 10 cm dicke vereiste Platte aus der Eisflanke. Plötzlich liege ich auf dem Bauch… ACHTERBAHN! Es geht abwärts, mit gefühlten 100 km/h

Oh Gott, festkrallen… die Fingernägel brechen ab, knicken um;  Fußspitzen in den Schnee hauen, Schnee spritzt; ich werde immer schneller; mit beiden Händen eine Stockspitze zwischen Bauch und Schnee drücken… ; nützt nichts…; Schnee im Mund, Sauerstoff im Kopf… ganz klares Denken: Nichts geht mehr. Der Rand des Eissees kommt immer näher…..   Komischer Tod..; so plötzlich und unerwartet; so ganz anders; schade…..

 

29.06.2015, 13:14:46 Uhr 0°C, 2398 Meter. ü.d.M.

Rummms; ein Schmerz im rechten Knie, das Bein angewinkelt. Ich liege still! 

Einatmen, ausatmen; jetzt nicht aufregen, einatmen, ausatmen; alles gut, aaaalles gut, einatmen…

Ein vorsichtiger Blick nach unten. Noch etwa 10 Meter bis zum Wasser. Ein Grassoden, vielleicht 40x 50cm groß, irgendwann weit oberhalb abgebrochen und dann hier wieder festgefroren, hat meinen Sturz gebremst. Ich muß albern kichern. „1 Grassoden auf 2 Kilometer Berghang. „

Aber wer weiß wie lang der hält. Wer weiß, wann ich den ersten Krampf kriege.

Ich muß wieder zum Stehen kommen; ich muß hier irgendwie weg! Einatmen, ausatmen.

 

Gaaanz vorsichtig und unendlich langsam ziehe ich einen Wanderstock hervor und beginne sachte in Höhe meines andern, freihängenden Fußes eine kleine waagerechte Plattform ins Eis zu pickeln.

Ok, ok,  noch sanfter, der Grassoden hat sich gerade etwas bewegt.

Es dauert gefühlte Stunden. Irgendwann winkele ich das andere Bein an, setze den Fuß auf die Plattform, drehe die Spitzen meiner Stöcke in den Schnee, ziehe mich voorsichtig an den Stöcken hoch. Der Rucksack ist so verdammt schwer…..

Ich stehe! Wahnsinn, ich stehe wieder! Der Schnee hält. Jetzt bloß nicht nach unten schauen, die Knie sind schon weich genug. 

Ca. 20 Meter neben mir, ungefähr auf gleicher Höhe, ragt eine flache, abgerundete Felsnase aus dem Schnee. Da muss ich hin; erst dort bin ich sicher!

20 Meter = 80 Schritte = 25 Minuten. Gaanz vorsichtig. Noch einmal abrutschen und mich findet niemand in diesem See wieder. 

Irgendwie so muss es sich wohl  anfühlen, wenn man in einem abstürzenden Passagierflugzeug sitzt. Mir gehen Nachrichtensendungen der letzten Wochen durch den Kopf. Irgendwann sitze ich auf der Felsnase. Ich weiß gar nicht so genau wann und wie ich hier angekommen bin. 

ICH LEBE! Hier hätte ich die Chance mit meiner guten Ausrüstung zur Not auch noch 3 Wochen auszuharren bis vielleicht jemand vorbeikommt. Schlafsack, Biwacksack, Gaskocher, Trockennahrung… alles noch da!  Das Handy. Im Outdoorgehäuse an den Rucksackgurt geklemmt… Auch noch da… Unbeschädigt? Verdammt! Der Touchscreen reagiert nicht mehr. Halt, Moment, wie war das: iPhone? Richtig!, geht bei Nässe nicht -> trockenwischen. Jaaaa, alles ok, und ich habe Empfang. Der Hüttenflyer in meiner Tasche: Cristallina Hütte, Tel. +41 91 869 23 30

Helikopter-Rettung Alpen Schweiz

„Ja, hier Capanna Cristallina“… „ Ok, ich hab‘ gerade den Helikopter hier, ich schicke ihn gleich vorbei“

„Ich glaube es kaum, als keine 2 Minuten später der blau-gelbe Lastenhelikopter auf meiner Höhe über dem See steht. Der Pilot gibt mir per Handzeichen zu verstehen, dass er wissen möchte ob ich unversehrt bin und stehen kann. Alles klar, ich richte mich auf, winke, recke den Daumen in die Höhe. Nächste Anweisung: Ich soll mich ducken. 

Langsam, gaanz langsam gleitet der Heli seitwärts an mich heran. Nur noch wenige Meter. Verdammt laut! Die linke Kufe schwebt fast neben meinem Fuß: Ein Handzeichen-> ich stelle mich auf die Kufe des schwebenden Helikopters. Der Lastentechniker ergreift durch die offene Luke meinen Arm. Augenblicklich gleitet der Heli so schnell wie möglich von der Bergflanke weg, über den See. Wow, der Adler trägt mich fort. Mir kommt eine Schlüsselszene aus dem letzten Teil von „Herr der Ringe“ in den Sinn. Nur dort war es kein einsamer Felsen im Eis sondern in fließender Lava. 

Der Lastentechniker zieht mich in den Innenraum. Ich knie auf dem Boden. Unter mir saust die Landschaft vorbei, es kribbelt im Bauch. 

 

29.06.2015, 14:13 Uhr

Der Spuk ist vorbei. Ich laufe wie auf Watte schwebend zur Hütte. Der Wirt bringt mir ein dickes Stück Kuchen und einen Kaffee. 

Hier bleibe ich. 

90 Euro sind doch gar nicht viel Geld, für ein zweites Leben, oder?


Hier erfährst du, wie es für Thomas nach dem Absturz weiter ging


Zusatz von meinem Vater:
Nein ich habe nichts ausgeschmückt und nichts dazugedichtet.

Ich weiß, diese Story in einer Vorabendserie: Ich würde genervt abwinken. Jaaa, da wird der Protagonist nach freiem Fall von einem Grassoden abgebremst, zückt sein Handy, hat natürlich einwandfreien Empfang, zufällig steht ein Helikopter in der Nähe bereit. Er klettert auf die Kufe des schwebenden Helikopters…. Gerettet….  Nächster Werbeblock.   Arg unglaubwürdig? Aber wahr!


Außer seinem Knie, dass ein bisschen was abbekommen hat, ist mein Vater wohlauf. Den Schreck hat er inzwischen halbwegs verdaut. In der restlichen Urlaubszeit, die er eigentlich wandern wollte, ist er mich stattdessen in Litauen besuchen gekommen.

Hast du selbst schon Grenzerfahrungen gemacht oder warst in einer Überlebenssituation? Schreib es in die Kommentare!


Hier für den Newsletter anmelden und 10% Rabatt auf den Kauf im Shop sichern.

Melde dich hier für den Newsletter an

* Angabe benötigt

Sharing is Caring: