Absturz in den Bergen - Wie es weiterging

Das Leben geht weiter.
Und die Tour muß natürlich auch weiter gehen.

Denn trotz Angst und blauer Flecken: Hier oben auf dem "Passo Cristallina" kann ich nicht bleiben.

Also packe ich meinen Rucksack, atme tief durch und trete hinaus in den Schnee....

 30.06.2015, 6:15 Uhr: Capanna Cristallina, 2580 Meter .ü.d.M.

Die Nacht war grässlich!

Und dies lag gar nicht daran, dass ich wegen meiner Körpergröße von 205 cm wieder einmal auf dem Boden schlafen musste, um mir in dem „Standard-Hüttenbett“ keine Beulen am Hinterkopf zu holen.

Und es lag auch nicht an dem lästigen Schweizer „Senior-Gipfelstürmer“, der sich noch am Nachmittag mit seiner armen Frau im Schlepptau zur Hütte hinaufgekämpft hatte, um mir dann während des gesamten Abendessens lang ausführlich darzulegen, dass beinahe sämtliche bergsteigerischen Unzulänglichkeiten an denen DEUTSCHE Wanderer zu scheitern pflegen, für IHN gar kein Thema seien.

Und er würde natürlich morgen (wieder mit seiner armen Frau im Schlepptau) die Route, an der ich heute abgestürzt bin, LOCKER meistern. „Na da steigt man halt einfach über den Schnee hinab bis zum See wo die Hangneigung geringer ist und dann irgendwann hinten wieder rauf“, natürlich ohne Pickel und Steigeisen.

Nein, die Nacht war grässlich, weil ich jedes Mal, wenn ich versuchte die Augen zu schließen, in Gedanken wieder den Eishang herunterrutschte. Immer und immer wieder in das kalte Wasser eintauchte und von einem riesigen Fisch gefressen wurde. Hätte ich nicht schon auf dem Boden gelegen, ich wäre wohl einige Male aus dem Bett gefallen.

Am Morgen ist mir ganz übel vor Angst. Die Hände zittern. Da hilft nur eine kalte Dusche.

Komisch eigentlich, dass die Angst mit solch einer zeitlichen Verzögerung einsetzt. Gestern war ich noch froh, dass das Adrenalin mir den Kopf in der Not so klar gemacht hatte. Ich beschließe diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Dieses Mal auf einer sicheren Alternativroute, die der Hüttenwirt mir gestern noch beschrieben hatte. Heute werde ich also zwei Pässe queren müssen, um auf die Südseite zu wechseln; den sanften „Passo del Narèt“ und den etwas steileren „Passo del Sasso Nero“. Beide (angeblich) garantiert schneefrei!

 

Wieder ein absolutes Traumwetter!
Schon kurz nach Sonnenaufgang 16°C, auf 2600 Metern Höhe. Der Basodino leuchtet im Morgenlicht; eigentlich ganz schön.

Ich drehe ihm den Rücken zu und genieße es, beinahe ohne Anstrengung, im weichen Schnee der sanft geneigten Nordflanke, mit großen Schritten abwärts zu „sinken“. Der Schnee „knurspelt“ gemütlich unter meinen Schuhsohlen und erinnert mich an den alten Ledersessel von meinem Opa.

 So tropfen die trüben Gedanken der Nacht allmählich von mir herab und bleiben mit der Spur meiner Schritte im glänzenden Weiß zurück.

 Ich bin wieder unterwegs und es geht mir gut!

 Das kleine Schutzhaus kurz unterhalb des „Passo del Narèt“ ist mit mehreren Schlössern verriegelt. Neben der Türe hat irgendjemand das Wort „BANDITOS“ in die Holzwand der Hütte gepickelt.

Es stinkt nach Verwesung!

Vielleicht ganz gut, dass ich nicht nachsehen muss was sich in der Hütte befindet. Noch mal kurz hinter die Hütte, etwas „erledigen“. Aha, daher weht der „Duft“: Irgendein Kleinvieh scheint zwischen Fels und Hüttenmauer verendet zu sein. Ich gehe weiter...... Gedanken an den Tod kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Außerdem schmeckt hier der Energy-Riegel nicht.

Wow, nach weiteren 50 Höhenmetern das ganz große Kino: Die Passhöhe ist erreicht und ostwärts wandert mein Blick bei wolkenlosem Himmel und kristallklarer Luft über lange Reihen weißgezuckerter Gipfel den Alpenhauptkamm entlang. Unter mir der große blaue Lago di Narét. An den Hängen der gegenüberliegenden Talseite kriechen die grünen Wiesenmatten bis fast zum Gifpfelgrat hinauf, außer Reichweite der eisigen Gletscherkälte.

 

Ja, hier beginnt der Süden!

Passo del Narèt
Passo del Narèt

Inzwischen macht sich der fehlende Schlaf der vergangenen Nacht bemerkbar.

Die kleinen, bunt blühenden Wiesenflicken zwischen dem Geröll am Seeufer laden zu einer Rast ein. Das Thermometer ist inzwischen schon wieder auf fast 30°C gestiegen. Ich lege mich ins Gras, ziehe mein Handtuch übers Gesicht und schlafe sofort ein.

Nicht lange, denn irgendetwas war da gerade. Ich fühle mich beobachtet. Unter dem Rand meines Handtuches hindurch schiele ich nach rechts, wo ich meinte, eine Bewegung gesehen zu haben…

Ein Murmeltier liegt flach und breit wie ein etwas zu dick geratenes Omelett auf einem Stein, ca. 20 Meter neben mir.

Gaanz laangsam greife ich nach meinem Handy und versuche unbemerkt ein Foto zu schießen. Mit dem Auslösegeräusch des Fotos ertönt ein schriller Pfiff, und das eigentlich so träge aussehende Tier ist derart schnell verschwunden, dass es mir vorkommt, als sei es wie eine Seifenblase zerplatzt.

Während der letzten Meter zur zweiten Passhöhe plagt mich die Sorge, die dahinter liegende Bergflanke könnte wieder schneebedeckt sein.

Was ich dann vorfinde ist anders, aber nicht besser: Haufenweise loses Geröll, das bei jedem Schritt talwärts poltert. Irgendwie sieht es so aus, als würden sich die obersten 100 Meter der umliegenden Berghänge regelrecht häuten, wie ein Reptil, das seine alte schuppige Haut abstreift. Hier tobt sich die Erosion mit voller Wucht aus.

Noch einmal muss ich mir mühevoll den Weg bereiten und bin froh, dass hier keine weiteren Wanderer unterwegs sind, die mit mir herabfallende Steine „austauschen“.

Eigentlich reicht es mir für heute.
Die Füße sind nass, die Knie schmerzen, ich bin müde. Die kleine ebene Wiesenfläche auf 2300 Metern Höhe, direkt hinter dem Passübergang, sieht nach einem verlockenden Zeltplatz aus. Dort angekommen stelle ich allerdings fest, dass der weitere Abstieg zur 250 Meter tiefer liegenden Hochalmfläche noch quer über einen Steilgrashang verläuft.

Sollte das Wetter unerwartet doch umschlagen, wäre dieser Hang in nassem Zustand wohl deutlich schlechter zu queren.

 

Also beschließe ich, hier nur ein warmes Essen und einen Kaffee zu kochen, ein wenig zu rasten und dann heute noch weiter bis zu der weitläufigen Ebene „Redorta“ abzusteigen.

Verdammter Sch…dreck!

 Quer über den Hang zieht sich, entlang der markierten Wegspur, ein tiefer Riss durch den Boden.  An mehreren Stellen ist die gesamte Erdscholle ca einen Meter weit auf dem Felsuntergrund abwärts geglitten. Nimmt das denn nie ein Ende?

alles rutscht
alles rutscht

An diesem Punkt merke ich, wie sehr mir die Verunsicherung durch den gestrigen Absturz immer noch in den Knochen steckt. Ich beschließe, morgen früh endgültig meine Tour abzubrechen. Inmitten dieser, durch Erosion zerfressenen, zerbröselnd sterbenden Felstürme fühle ich mich auf einmal klein und hilflos. „Ok“, denke ich, „der Berg hat gewonnen“.

 Etwas oberhalb des Hanges stehen die Alpenrosen dichter. Sicherlich gibt das Wurzelwerk der Erde ein wenig mehr halt.
Nun ist sie wieder da, die Angst!
Nein, so macht eine Fortsetzung der Tour wirklich keinen Sinn.


Die Ebene „Redorta“ ist im Abendlicht wunderschön anzusehen. Eine weitläufige, saftiggrüne Sumpfwiese die wie eine Miniatur des Nildeltas anmutet. Wie Ströme von flüssigem Silber durchzieht ein Netzwerk glitzernder Bachläufe die Fläche.

Meinen Platz für die Nacht finde ich auf einer Felsnase, ca. 10 Meter oberhalb der Ebene. Ein kleiner Flecken Wiese, gerade groß genug für mein Zelt. Hier richte ich im Licht der inzwischen tief stehenden Sonne mein Nachtlager her.

Der Ausblick von meinem „Adlerhorst“ bringt den inneren Frieden zurück. Ich sitze noch lange auf der Spitze der Felsnase, einen Pott heißen Kaffee neben mir. Aus den Zacken der umliegenden Gipfel lösen sich immer wieder kleine Wolken und jagen im Abendwind mit ihren eigenen Schatten, unten auf der Ebene, um die Wette.

Irgendwann klingt ein schepperndes Läuten vom anderen Ende der Ebene herüber.

Stimmen schreien „heia“ und „hooo“. Der Almauftrieb ist angekommen. Was für ein schöner Abschluss des Tages!

Am nächsten Morgen werde ich feststellen, welch einen steilen, beschwerlichen Anstieg die Tiere hinter sich haben. Bei ihrer Ankunft in der Ebene machen die Tiere regelrechte Luftsprünge vor Freude. Ich wusste gar nicht, dass Rindviecher zu solchen Emotionen fähig sind. Immer abwechselnd springen sie mit beiden Vorderbeinen und dann mit beiden Hinterbeinen in die Luft.

Für sie beginnt nun der Bergsommer; für mich ist er hier zu Ende.......

Sharing is caring:


*Gastartikel von meinem Vater*