Ich lag falsch: Warum Abenteuer-Reisen der größte Mist aller Zeiten sind

Tramper am Straßenrand

Wie kann ein Mensch nur so dumm sein? Tausende Jahre strebt die Menschheit nach Fortschritt. Über diesen Zeitraum wurden x Milliarden Lebenswege erprobt und jedes Bedürfnis des Menschen analysiert. Ein klassisches, gradliniges Leben ist also die klügste Wahl.

Ich wäre nicht ich, wenn ich das einfach so stehen lassen könnte, aber dennoch, der erste Eindruck ist gegen mich.

Klar, Reisen ist dem Menschen ein Bedürfnis und Trampen und Wandern um trotz Geldmangel etwas von der Welt sehen zu können ist erstmal einleuchtend. Betrachtet man aber die Stunden, die ich damit verschwende am Straßenrand zu stehen und rechnet diese in den durchschnittlichen Stundenlohn von 16€ um, hätte ich im Laufe der Reise locker das Geld für einen Flug und ein nettes Hotel zusammen. Wahrscheinlich hätte ich sogar noch ein gutes Taschengeld übrig.

Warum ich mich trotzdem für Abenteuer-Reisen entscheide

Toyota VW-Bus Lofoten Wild-Campen Norwegen

Jetzt habe ich wohl doch den ein oder anderen stutzig gemacht. Geldmangel, der offensichtlichste Grund ist nicht meine Motivation?

 

Gut, was ist es dann? Was bringt mich dazu in eisiger Kälte und brennender Sonne an der stinkenden Straße zu stehen, Nachts in einem viel zu kleinen Zelt, auf unebenem Grund zu schlafen, mit knurrendem Magen zu wandern, nicht wissend, wann ich wieder Proviant auffüllen kann und Stunden lang an der Straße zu warten, um ein paar Kilometer zu einer anderen Parkbucht an der Straße zurückzulegen?

Dein Unterbewusstsein ist Klug / Die Freude an den kleinen Dingen

Wie sehr freust du dich für gewöhnlich darauf, in einem Auto mitzufahren? Wie sehr auf ein Käsebrot?
Eben. Warum solltest du auch? Du kannst dir ja schließlich jederzeit ein Käsebrot schmieren. Das weiß dein Unterbewusstsein. Warum sollte es dich also dafür mit den großen  Glücksgefühlen belohnen?

Anders jedoch, wenn du Tage lang keinen Supermarkt gesehen hast und nur noch trockenes Brot vom Proviant übrig ist. Dein erstes Käsebrot wird schmecken, wie dein Lieblingsgericht im Fünf-Sterne-Restaurant.
Bleibt nur noch die Frage:

Warum dann nicht einfach das Lieblingsgericht im Fünf-Sterne-Restaurant bestellen?

Warschau von Oben

Immerhin könntest du dir so die vorangegangenen Unannehmlichkeiten sparen. Und wenn du etwas mehr Geld hast, könntest du es dir sogar jeden Tag holen.
Leider läuft das so nicht. Warum, das kann dir Maslow beantworten.

Kurz gesagt: Deine Bedürfnisse steigen jedes mal, wenn du sie erfüllst. Was die pure Erfüllung war, wird Selbstverständlichkeit. Aus dem Käsebrot wird ein Steak, daraus Hummer mit Kaviar. Du zahlst immer mehr Geld, für dasselbe Gefühl und glaubst schnell, du bräuchtest mehr Geld, denn je mehr Geld, desto mehr dieser Glücksmomente kannst du erleben.
Die Spitze dieser Pyramide ist jedoch nicht das Nirvana, die ewige Glückseligkeit sondern ein "Bore-Out-Syndrom", Krankheit durch Langeweile, da die Steigerung für den Glücksmoment fehlt.

Abenteuer-Reisen als Lösung?

Zugegeben, das Beispiel war schon ziemlich überspitzt, aber mein Gedankengang ist verständlich oder?
Warum die Pyramide immer weiter hoch klettern wollen, bis es wackelig wird, wenn man auch einfach ab und zu runter klettern und neu anfangen kann?

Beim Trampen geht es für mich nicht um eine Flucht. Ich mein kein Alexander Supertramp, der vor seiner Vergangenheit davon läuft. Es geht einzig darum, mein Leben in vollen Zügen genießen zu können.

Abenteuer-Reisen und die Sache mit der Comfortzone

Regentag im Zelt Honig-Melone essen

Dummerweise musst du dafür deine Comfort Zone verlassen. Wenn du dich das erste Mal darauf einlässt, dein perfektes Leben zurückzulassen und Strapazen und Unannehmlichkeiten auf dich zu nehmen, wird sich alles in dir dagegen sträuben und du wirst bei jeder Schlechtwetterfront und jeder schlaflosen Nacht von einer Welle aus Heimweh überwältigt werden. Das sind die wenigsten bereit in Kauf zu nehmen, daher gilt wohl für die meisten Menschen: Abenteuer-Reisen sind der größte Mist aller Zeiten.

Größter Mist aller Zeiten oder Weg zum bewussten Lifestyle - Was ist deine Meinung?
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Kommentare: 11
  • #1

    Silke (Mittwoch, 26 August 2015 10:31)

    Sehr schöner Artikel!
    Wer ständig seine Bedürfnisse befriedigt, ist irgendwann gefangen vom ständigen Schneller, Höher, Weiter. Wenn du jedoch früh genug aus diesem Teufelskreis ausbrichst, wirst du ein erfülltes Leben leben mit vielen glücklichen Momenten. Und das ohne dein ganzes Geld zum Fenster herauszuwerfen. Ich wünschte, das würden mehr Menschen so sehen wie du.
    Liebe Grüße
    Silke von Minimalisch

  • #2

    Finn (Mittwoch, 26 August 2015 19:18)

    Einerseits hast du eindeutig Recht, wobei Komfort auch was hat.

    Andererseits hat uns dieses Streben groß gemacht, wir wollten nicht laufen, also gab es erst das Pferd, zu unangenehm, also die Kutsch, dann die Eisenbahn, dann das Auto, dann das Flugzeug.

    Aber ich gebe dir Recht, man muss die kleinen Dinge mehr schätzen, vor allem seine Gesundheit.
    Grüße Finn

  • #3

    Ben Menges (Mittwoch, 26 August 2015 20:16)

    Servus Jannis!
    Ich stimme da Finn und dir gleichermaßen zu! Einerseits gibt es unsere Zivilisation nur durch diese Gier nach mehr und dieses Verlangen immer etwas größeres, besseres und schickeres zu haben.
    Andererseits aber findet die wahre Zufriedenheit, der wahre Genuss meiner Meinung nach aber im Inneren statt. Es ist wie du schön beschreibst mehr eine Entscheidung glücklich zu sein. Durch das Erwehren gegen die Gier und den Fokus auf das Hier und Jetzt.

    Wenn alle das machen würden, würden wir im Chaos versinken. Keiner würde mehr für Geld arbeiten wollen. Dann würden Millionen Jobs unbesetzt sein, da viele Menschen eben nur wegen dem Geld arbeiten. Und machen wir uns nichts vor: Nicht alle können gleichzeitig damit ihr Geld verdienen von ihrem Leben zu berichten, Unternehmen aufzubauen, Künstler zu werden... Wer backt dann die Brötchen? Wer baut Häuser? Wer schiebt Wache? Wer tippt Nummern in Listen?
    Ein sehr streitbares Thema, ich weiß.

    Aber ich finde es völlig legitim als Einzelner diese Entscheidung für sich selbst zu treffen und ein minimalistisches Leben zu führen.

    Aus meinem Bereich als Trainer:
    Wenn alle mit ihrem Körper und ihrer Gesundheit zufrieden wären, hätte ich keine Arbeit mehr. Aber wenn alle sich mehr in diese Richtung bewegen ist es für alle top!

    Sorry Jannis, ich glaube ich habe gerade den Faden verloren. :D
    Super Artikel, sehr interessante Gedanken und Einblicke in dein Seelenleben auf und über Reisen.

    Gruß,
    Ben

  • #4

    Jannis (Mittwoch, 26 August 2015 20:30)

    Hey Fin und Ben,
    ich muss euch absolut zustimmen, das ist ein komplexes Thema und viele gute Erfindungen konnten nur durch den Drang nach Fortschritt gemacht werden.
    Zu dem Aspekt, das viele Jobs unterbesetzt wären, wenn jeder so denken würde, halte ich jedoch entgegen, dass viele Jobs dann gar nicht nötig wären. Wozu Sportwagen herstellen, wenn keiner sie kauft?

    Auch das mit dem Körper ließe sich diskutieren. Ist die Befriedigung beim Sport nicht grade eine von denen, die schnell nichtmehr genug sind, wenn man seine Zeit auch damit verbringen kann, sich auf der Jacht mit Champanger verwöhnen zu lassen?

    Aber du hast recht, irgendwer muss trotzdem die Brötchen backen :-D

    Liebe Grüße
    Jannis

  • #5

    Wibke (Mittwoch, 26 August 2015 22:54)

    Schöner kritischer Artikel obwohl der Titel doch sehr provokativ ist.
    Maslow ist dein SoWi-Lieblingsthema, oder Jannis ;)
    @Ben: Sicherlich würde die Gesellschaft nicht mehr funktionieren wenn alle Menschen so leben würden, doch darum geht es gar nicht. Das Ziel ist doch glücklich zu leben und es gibt auch viele Menschen die mit ihrem "normalen" derzeitigen Leben glücklich sind. Warum sollten diese dann etwas ändern? Weil niemals alle Menschen so leben werden, können es sich ein paar Individuen herausnehmen anders zu sein und das System funktioniert trotzdem weiter. Und so sind alle glücklich :)

    Liebe Grüße,
    Wibke

  • #6

    Jana (Donnerstag, 27 August 2015 08:21)

    Ein spannendes Thema, welches sein Für und Wider hat.
    Ab und zu zurück zum Ursprung - für mich ein Thema das mich im Alltag gelassener macht und stärkt. Zu wissen, dass ich mit weniger auskomme als ich wirklich besitze - ein tolles Gefühl. Dankbarkeit empfinden, für das selbstgewählte Leben.

    Danke für deine Zeilen, die zum Nachdenken anregen.
    Mit sonnigen Grüßen
    Jana

  • #7

    René (Donnerstag, 27 August 2015 09:43)

    hi Jannis, sehr gut auf den Punkt gebracht.."Die Freude an den kleinen Dingen..genau darum geht es. Ich bin der Meinung, das die steigenden Bedürfnisse und das Streben nach immer mehr und mehr eines der Grundübel in unserer heutigen Gesellschaft ist. Ohne diese Profitgier und dem Streben nach immer mehr gäbe es viele gesundheitliche Probleme nicht wie wir sie gerade verstärkt in der immer stressiger werdenden Arbeitswelt zu spüren bekommen. Nie ist es genug..überall wird man heute zugeballert mit Werbung..Kauf dies dann fühlst du dich toll, Kauf das das brauchst du unbedingt...Wachstum..Wachstum..bla.bla. Die Leute arbeiten und arbeiten um sich immer mehr und mehr unnützes Zeug anzuhäufen. Irgendwann werden sie dann frustriert weil das ganze Zeugs eben doch nicht glücklich macht. back to the Basics das ist genau der richtige Weg und ich hoffe du bleibst standhaft und geniest dein Leben und das Käsebrot weiterhin in vollen Zügen! Grüße René

    @Silke "Wer ständig seine Bedürfnisse befriedigt, ist irgendwann gefangen vom ständigen Schneller, Höher, Weiter. Wenn du jedoch früh genug aus diesem Teufelskreis ausbrichst, wirst du ein erfülltes Leben leben mit vielen glücklichen Momenten. Und das ohne dein ganzes Geld zum Fenster herauszuwerfen. Ich wünschte, das würden mehr Menschen so sehen wie du."
    Sehr guter Kommentar :)

  • #8

    Ilona (Donnerstag, 27 August 2015 09:51)

    Also, seien wir ehrlich: Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben war schon immer ein Luxusproblem. Im 18. Jahrhundert spielten die Adligen Schäfer, im 19. Jahrhundert, wollten die Damen aus der Stadt gerne ein bisschen Leben am Land genießen und wir, die wir alles daheim haben, Zentralheizung, fließendes Wasser, dicke Daunendecken und einen vollen Kühlschrank gehen gerne Campen, Trampen, Wandern, Radeln.
    Und trotz allem kehren wir gerne in unser Leben wieder zurück.
    Dennoch hilft mir das "einfache Leben" mit Zelt und Rad, mich auf das zu besinnen, was man braucht oder nicht braucht. Es ist entspannend, mal nicht immer alles zu haben - auch wenn das auf den ersten Blick paradox klingt. Denn entspannender als jeder Tag in der Therme war es für mich, in der Sonne vor dem Zelt zu dösen und dem Meer zu lauschen.

    Allerdings frage ich mich, wieso du glaubst, gleich den "durchschnittlichen Stundenlohn von 16€" zu kriegen. Ich kenne so gut wie niemanden, der den kriegt...
    Bei der Rechnung ist ja eher ein Job gemeint, den man schnell und flexibel machen könnte. Also, statt trampen und reisen, jobben und reisen. Dann wär wohl die Rechnung mti 8,50€ realistischer :D

  • #9

    Artur (Donnerstag, 27 August 2015 11:32)

    Oh man, you're damn right.

  • #10

    Thomas (Donnerstag, 27 August 2015 17:34)

    Ein guter Beitrag und viele sehr gute Kommentare !
    Ich habe allerdings ein wenig das Gefühl, dass hier Begriffe wie „Gier“ (einerseits) und „Streben“ (andererseits) etwas durcheinandergeraten.
    Dadurch läuft der „alternative Lebensweg“ bzw. hier „die alternative Art zu reisen und zu erleben“ Gefahr, allzu schnell mit einem Mangel an „Streben“ im Sinne von Müßiggang gleich gesetzt zu werden.
    „Gier“ ist für mich das „Mehren“ bzw. „Anhäufen“ von materiellen Werten, Genüssen, Wohlstand OHNE Ziel
    „Streben“ setzt dagegen immer das Vorhandensein von Zielen voraus.
    Mein Streben, einem Ziel entgegen, mobilisiert ungeheure Energie, Lebensfreude und eine positive Selbstwahrnehmung.
    Menschen, die sich keine Ziele setzten denen sie mit Energie und Ausdauer entgegenstreben, die leben nicht, sondern sie funktionieren nur. Menschen, die ihre Ziele verloren haben, werden krank.
    Dabei ist es das kollektive Streben, dass uns als Gesellschaft groß macht weil es Fortschritt bringt (danke Finn), und es ist das individuelle Streben, das uns ein erfülltes Leben mit vielen glücklichen Momenten bringt (danke Silke). Letzteres muß ich tatsächlich wohl auch für den Investmentbanker gelten lassen, auch wenn das sicher nicht mein Weg wäre.
    Ben bringt es auf den Punkt mit seinem Beispiel als Trainer: Es kommt nicht darauf an, das Ziel tatsächlich erreicht zu haben, sondern der Weg dahin ist wichtig. Und dieser Weg muß zu mir passen, und er muß mir helfen den Überblick zu behalten, darüber was wirklich wichtig ist für mich. Dann ist es auch egal, ob es ein materielles Ziel oder eher ein philosophisches Ziel ist.

    Ich selber habe nun seit fast 20 Jahren einen Text aus einer Rede der Schriftstellerin und Philosophin Ingeborg Bachmann an der Wand hängen, und ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht jeden Morgen als erstes, bevor ich mein Tagewerk beginne, diesen Text bewusst zu lesen. Er hilft mir besonders dann, wenn ich gelegentlich mal das Gefühl habe, dass es auf meinem Weg nicht so richtig weiter geht:
    „……bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind. Nicht um mich zu widerrufen, sondern um es deutlicher zu ergänzen, möchte ich sagen: Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns an einander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten. Daß wir es erzeugen, dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine ich, kommt es an; daß wir uns orientieren an einem Ziel, das freilich, wenn wir uns nähern, sich noch einmal entfernt.“

    Liebe Grüße
    Thomas

  • #11

    Myriam (Donnerstag, 27 August 2015 22:40)

    Mit den Bedürfnissen ist das so eine Sache: Sie steigen erstens ständig an, wie du schon geschrieben hast und zweitens werden künstlich Bedürfnisse geschaffen - zB durch die Einführung neuer Produkte. Viele können sich ein Leben ohne Smartphone, TV und Internet gar nicht mehr vorstellen.

    Dein Ansatz ist richtig. Also da einen Riegel vorzuschieben und das nicht mitzumachen und durch dein Trampen machst du dich auch ein Stück weit vom Geld unabhängig. Was gut ist. Hör nicht auf den Quatsch irgendwelcher Manager, die "time is money" faseln. Wir dürfen nicht ständig versuchen alles in Geld aufzuwiegen.

    Aber um ein bewusstes Leben zu führen, musst du nicht zum Abenteuerreisener werden. Das ist nur ein möglicher Weg. Ich finde den auch sehr verlockend. Zumal ich gerade das Buch "zu Fuß durch China" lese und in den beiden Männern meine "Vorbilder" sehe.

    Wer meiner Meinung nach auch ein bisschen aus dem "immer mehr, immer höher, immer weiter" aussteigen will, sollte sich einfach nicht ständig das neuste iphone oder den noch größeren Fernseher kaufen, sondern einfach mal einen Gang zurückschalten, das Geld sparen oder weniger als 40 Stunden in der Woche arbeiten und eigene Projekte verfolgen.

    Grüße Myriam