Rollerfahren Off-Road in Thailand

Was passiert eigentlich, wenn man mit dem geliehenen Roller in Thailand Offroad fährt, ihn durch Schlaglöcher quält und ihn im Schlamm versenkt?
Die Antwort finde ich auf dem Weg zu dieser Videoproduktion heraus, die mich bis an meine Grenzen bringt!

Lange ist mein letzter Blogpost her. Neben gelegentlichen Facebook Fotos dürfte ziemlich undurchsichtig geworden sein, wie mein Alltag als Filmproduzent zur Zeit so aussieht. Zeit, dich mal wieder einen Tag lang ausführlich mitzunehmen.

Diesen Entschluss habe ich für den heutigen Tag gefasst. Und mit „den heutigen Tag“ meine ich: Den ganzen Tag, 24 Stunden.

 

Wo ich grade bin:

Nachdem ich die letzten Tage für Basti Barami in Bangkok gedreht habe, ging es gestern weiter nach Chiang Rai, im Norden von Thailand. Etwa eine Stunde von Chiang Rai liegt die Doi Chang Coffee Farm, wo ich heute drehen werde.

Der Dreh ist für die MAYA Kaffeerösterei. Ich habe bereits vor Ort in Hamburg gedreht, jetzt geht es auf eine der Plantagen, von denen sie den Kaffee beziehen.

 

Grade ist 00:00 Uhr. Ich bin zurück von einem sehr unterhaltsamen Tinder Date und lasse den Abend auf dem Nachtmarkt ausklingen, wo ich mein Abendessen an einem der vielen, duftenden Streetfood-Stände einnehme, eine Kokosnuss schlürfe und eben diesen Entschluss fasse, den heutigen Tag mit Notizen und Fotos zu dokumentieren, um dich in diesem Blogpost mit auf die abenteuerliche Produktion auf der Doi Chang Coffee Farm zu nehmen.

Auf Dreh in Bangkok mit Basti Barami von "Officeflucht"
Auf Dreh in Bangkok mit Basti Barami von "Officeflucht"

Bevor der Tag richtig beginnt, gehe ich aber zurück zu meinem Guesthouse und haue mich nochmal drei Stunden aufs Ohr. Ich muss früh raus, um bei Sonnenaufgang an der Plantage zu sein und zur berühmten goldenen Stunde (der Stunde nach Sonnenauf- oder vor Sonnenuntergang, die jedes Motiv in ein weiches, goldenes Licht taucht) drehen zu können. Normalerweise bin ich kein Frühaufsteher, jedoch ist zur Zeit Regenzeit in Thailand. Schön zum Drehen in der Natur, da alle Wälder saftig grün sind. Bei Sonnenuntergang regnet es jedoch leider praktisch immer, weshalb zum Drehen nur der Sonnenaufgang in Frage kommt.

Um 4 Uhr klingelt mein Wecker. Sofort sitze ich senkrecht im Bett. Als Klingelton habe ich mir die brutalste Alarmsirene eingerichtet, die ich finden konnte. Mein iPhone habe ich auf maximale Lautstärke gestellt und direkt neben mein Ort gelegt. Ich habe viele, sanfte Weckmethoden mit melodischen Gitarrenklängen ausprobiert, mein Unterbewusstsein ist jedoch ein wahrer Meister darin, diese in den Traum einzubauen, um sich um das Aufwachen drumherum zu drücken.

 

Es dauert eine Weile, bis ich realisiere, wo ich bin und warum ich zu so brutaler Zeit aus dem Schlaf gerissen werde. Schnell unter die kalte Dusche, anziehen und die Tasche packen. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Um 4:20 sitze ich auf dem Roller, den ich gestern gemietet habe und fahre durch die noch angenehm kühle Nachtluft, raus aus der Stadt, hinein in die saftig grüne Bergwelt Nordthailands.

Früher Aufbruch in Chiang Mai mit dem Roller
Früher Aufbruch in Chiang Mai mit dem Roller

Eine halbe Stunde später, erleuchtet das erste Blau des Tages den Himmel. Noch eine halbe Stunde später hätte die Landschaft geflutet sein sollen, mit orangenem Licht, doch ich habe kein Glück. Der Himmel ist bedeckt. Die Sonnenstrahlen schaffen es nicht durch die dichte Wolkendecke. Auf der anderen Seite sind dies die Idealen Voraussetzungen, um die Landschaft aus der Luft zu filmen, da die Berghänge weich und gleichmäßig vom indirekten Licht der Wolken ausgeleuchtet werden. Der Himmel wirkt dabei, wie eine riesige Softbox.

Ich beschließe, mich nicht zu hetzen und ein paar Umwege zu fahren. Ich folge den kleinen Pfaden, die von der Hauptstraße ab, zu den Dörfern der Einheimischen führen und suche nach der Idealen Kulisse um meine Drohne aufsteigen zu lassen.

 

Die Luft duftet nach Wald und Erde und ist so feucht, wie die gischtgeschwängerte Luft des Meeres bei einem morgendlichen Strandspaziergang. Beim Überqueren der vielen kleinen, kurvigen Bergpässe, fahre ich immer wieder direkt durch die Wolken. Der Trip fühl sich an, wie Urlaub pur.

 

Inzwischen mischt sich der Gesang der ersten Vögel in das Zirpen der Grillen und der Himmel leuchtet hell genug, um die Drohne auszuschicken.  Schon bald finde ich eine geeignete Stelle, für den ersten Teil des heutigen Drehs: Ein weitläufiges grünes Tal, mit Plantagenhängen, zwei steile Bergspitzen, die sich wie kleine Tafelberge in den Himmel erheben und ein Fluss, der sich zu ihren Füßen durch das Grün schlängelt. Ich halte an und bereite meine Drohne vor. Wenige Minuten später, schießt sie als kleiner, blinkender Punkt durch die beschriebene Landschaft. Das Bild, das sie dabei an mein iPhone, das als Display an die Fernsteuerung angeschlossen ist, überträgt, ist grade zu atemberaubend.

Berge in der Nähe von Chiang Mai im Norden Thailands - Ausgangspunkt eines Drohnenfluges
Berge in der Nähe von Chiang Mai im Norden Thailands - Ausgangspunkt eines Drohnenfluges

Nach dem kleinen Rundflug über das Tal, fahre ich zügig weiter in Richtung der Kaffeeplantage, schließlich habe ich heute noch viel vor. Birthe und Christian Haase, die Gründer und Geschäftsführer der MAYA Kaffeerösterei, haben den Kontakt zu Miyo hergestellt, die die Plantage betreibt. Sie spricht englisch und benutzt Facebook, was die Konversation erleichtert. Leider benutzt sie Facebook nur etwa alle zwei Wochen. Ich habe mich für den heutigen Tag angekündigt, darauf jedoch noch keine Antwort erhalten. Ich fahre also auf gut Glück zur Plantage.

 

Hier oben in den Bergen habe ich trotz thailändischer SIM Karte kein Netz, aber ich kenne die grobe Richtung. Um 7 Uhr entdecke ich das Schild am Straßenrand: Doi Chang Coffee Plantage.

 

Ich stelle meinen Roller ab. Auf der hölzernen Terrasse, die wohl für den Café-Betrieb genutzt wird, treffe ich niemanden an. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Café erst um 8 Uhr auf macht. Daher beschließe ich, erst einmal auf eigene Faust drehen zu gehen. Hinter der Terrasse führt ein kleiner Pfad steil hinab zu den Kaffeehängen. Dieser ist vom Regen so aufgeweicht, dass es nur durch die provisorisch in den Schlamm gedrückten Steinplatten möglich ist, den Weg zu begehen, ohne bis zum Knie im Schlamm zu versinken.

Gar nicht so einfach, mit einem unförmigen Sack, gefüllt mit 15 Kilo Kamera Kram auf dem Rücken, über die Steine zu balancieren.

 

Es gelingt mir. Das erste, was mir auffällt, sind die Klänge der Plantage. Ich höre nichts, als Grillenzirpen und Vogelgezwitscher, hier und da ein leises Rascheln im Unterholz oder eine frische Brise, die durch die Blätter geht. Ich hole meinen Field Recorder raus, um den Sound als späteren Hintergrund für das Video aufzunehmen. Dann stürze ich mich mit der Kamera auf die vielen kleinen Details, die mir auffallen: Die saftig grünen Blätter, die noch unreifen Kaffeekirschen an den Zweigen, diverse Schmetterlinge, die zwischen den Pflanzen tanzen, den Boden, der mit den Ernteabfällen der letzten Ernte gedüngt ist und natürlich auf das atemberaubende Bergpanorama.

 

Hinter jeder Biegung des Trampelpfades entdecke ich etwas neues so, dass ich ganz die Zeit vergesse. Als ich auf die Uhr schaue, ist es bereits 8 Uhr 18. Zeit, Miyo zu finden und mir die Ernteabläufe zeigen zu lassen.

Fundstück auf der thailändischen Kaffeeplantage
Fundstück auf der thailändischen Kaffeeplantage

Angekommen, zurück an der Café Terrasse, entdecke ich einen Thai mittleren alters, der sichtlich überrascht scheint, mich zu sehen. Miyo hat mich offensichtlich nicht angekündigt.

„Coffee?“, fragt mich der Mann. Ich nicke, woraufhin er in eine kleine, düstere Holzkammer - vermutlich die Küche - tapst. Ein paar Minuten lang höre ich nichts, als das Geklapper aus der Küche, dann steht der Thai erneut vor mir, breit lächelnd, mit einer großen Kanne, duftenden Kaffees. Er schenkt mir ein Glas ein. Der Kaffee ist mit Abstand der stärkste, den ich je getrunken habe. Er ist so bitter, dass es mir den ganzen Mund zusammen zieht und nach wenigen Schlucken beginnt mein Herz zu rasen. Genau das richtige, nach dem anstrengenden Tag gestern und der kurzen Nacht.

Natürlich bleibt es nicht bei einem Glas. Unermüdlich, schenkt mir der immer noch freundlich lächelnde Mann nach.

 

Unterdessen versuche ich ihm mein Anliegen zu erklären. Seiner Begeisterungsfähigkeit entnehme ich, dass er nicht oft Gäste von außerhalb des Dorfes hat, schon gar nicht aus anderen Ländern. Entsprechend schwer fällt die Verständigung. Glücklicherweise habe ich einen Screenshot von Miyos Facebook Profil gemacht, bevor ich losgefahren bin. Diesen zeige ich ihm. Er schaut kurz verständnislos auf das Bild, dann sehe ich so etwas wie Erkennen in seinem Blick.

 

„Dong Chang Coffee Farm“, liest er vor.

„Yes“, nicke ich. Da sind wir doch schließlich, oder? Der Mann deutet sie Straße hinab. „kilo“, sagt er, reckt drei Finger in die Höhe und deutet erneut die Straße hinab.

Alles klar, noch drei Kilometer also. Ich bedanke mich und frage nach dem Preis für den Kaffee, doch der Thai winkt ab. Ich zücke meinen Geldbeutel, wieder winkt er ab, diesmal energischer. „Friend“, lächelt er stattdessen. Mir wird schlagartig warm ums Herz und diesmal liegt es nicht am Kaffee. Grade in den großen Städten und touristischen Gegenden bewahrheitet dich immer wieder das Klischee von den Thais, die dich versuchen zu übervorteilen. Die 20€ Tuk Tuk fahrt, weil du vergessen hast, vorher nach dem Preis zu fragen oder die 10€ Cola an der Bar. Dieses Lehrgeld mussten schon viele Reisende zahlen. Um so überwältigender finde ich immer wieder die selbstverständliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft in den ländlichen Regionen - dort, wo die Menschen am aller wenigsten haben.

Mein Wirt und Helfer im Thailändischen Café
Mein Wirt und Helfer im Thailändischen Café

Ich schwinge mich wieder auf meinen Roller und fahre die Straße weiter in die Richtung, die der Thai mir gewiesen hat. Auf dem Weg fahre ich an etlichen, ähnlichen Cafés vorbei: Dong Chang Coffee Company, Dong Chang Café… bis ich schließlich vor der gesuchten Dong Chang Coffee Farm stehe. Ich glaube zu verstehen. Dong Chang, ist der Name der Region und natürlich gibt es hier mehr als eine Plantage.

 

Das Café der Dong Chang Coffee Farm sieht etwas größer und moderner aus, als die vorherigen Cafés. Es ist ebenfalls rustikal und aus rohem Holz erbaut, doch ausgestattet mit modernen Espresso Maschinen und diversen Snacks an der Theke.

Wieder empfängt mich ein strahlender Thai, wieder halte ich ihm den Screenshot von Miyos Profil unter die Nase und tipp mit dem Finger auf den Namen. „Where can I find Miyo?“, frage ich. „Over here!“ kommt die Antwort, nicht von dem Thai, dem ich den Screenshot gezeigt habe, sondern von hinter der Theke zu meiner Rechten. Ich drehe mich in die Richtung, aus der mir die Thailänderin bereits entgegen kommt. Das Gesicht ähnelt dem Profil Bild. Das muss sie sein. „You are Jannis, right? Nice to meet you!“, begrüßt sie mich. Miyo ist jünger, als erwartet, spricht gutes englisch und ist einfach, aber gepflegt und modern gekleidet.

 

Miyo führt mich zu dem Platz, wo der Kaffee getrocknet wird, zu den großen Becken, wo er danach gesammelt wird, zeigt mir die Maschine, mit der die Bohnen vom Fruchtfleisch getrennt werden und die Lagerhalle, wo nach wie vor einige Säcke, gefüllt mit grünen Kaffeebohnen liegen.

 

An einem Tisch sind vier Frauen damit beschäftigt, die Bohnen von Hand zu sortieren und Bruchstücke so, wie missratene Kaffeebohnen auszusortieren. Was für eine unglaublich aufwändige Fleißarbeit! Zweimal durchlaufen alle Bohnen diesen Prozess, um die Qualität sicher zu stellen, erklärt mir Miyo.

Ich bin froh, so doch noch einen Teilschritt der Ernte filmen zu können, denn eigentlich ist keine Erntesaison mehr.

 

Ein letzter Shot fehlt mir noch. Aus meinem Rucksack ziehe ich den Kaffeesack mit dem Logo der MAYA Kaffeerösterei, den ich seit dem Dreh in Hamburg im Gepäck habe. „Can we fill this one with Coffee for some shots?“ Miyo antwortet, dass das kein Problem sei. „Should be around 100 kilogram“. Uff, ich hätte nicht gedacht, dass Kaffee so schwer ist. Wir einigen uns darauf, den Sack Stattdessen mit meinem Gepäck, ein paar Kissen und Polsterfolie zu füllen. Die Nähmaschine, mit der die Säcke für gewöhnlich zugenäht werden, ist grade in Reparatur, daher knoten wir den Sack provisorisch mit seinen eigenen Phasen zu und ich drehe die Aufnahmen, die mir noch fehlen.

Handarbeit in Thailand - Die Kaffeebohnen werden von Hand sortiert
Handarbeit in Thailand - Die Kaffeebohnen werden von Hand sortiert

Gegen Mittag habe ich genug Material gefilmt und schließe den Dreh mit einem letzten Aufstieg meiner Drohne. Miyo ist schwer beeindruckt. Sie habe so ein Ding zwar schonmal in der Luft gesehen, aber noch nie den, der sie Steuert. Wie gebannt starrt sie auf das Smartphonedisplay, auf dem ihre eigenen Kaffeehänge zu sehen sind, die sie wahrscheinlich noch nie aus dieser Perspektive gesehen hat. Als ich die Drohne zurückkehren lasse, fragt Miyo, ab wir das sein, auf zwei kleine schwarze Punkte deutend. Ich bestätige und reduziere langsam die Flughöhe der Drohne. Die beiden Punkte werden größer und größer, bis die Drohne auf Augenhöhe mit uns schwebt und schließlich vor uns landet, wo sie gestartet ist.

 

Eben so unwirklich, wie die neue Perspektive auf ihre Kaffeehänge, wirkt es für Miyo, als ich ihr bei einem Nach-Dreh-Kaffee erzähle, dass ich beim Dreh in Hamburg bereits eine Tasse ihren Kaffees getrunken habe. Für sie endet die Produktion mit der Abholung der grünen Kaffeebohnen. Natürlich weiß sie, was danach mit den Bohnen passiert, doch es aus erster Hand zu hören ist etwas ganz anderes. So empfinde ich es andersrum, als mir Miyo von dem Preisdruck des internationalen Wettbewerbs erzählt. Davon, dass die Zwischenhändler immer schlechtere Preise zahlen und sie immer häufiger den teuren Transport der Bohnen in die nächst größeren Städte selbst übernehmen muss. Und sie erzählt mir, wie Jürgen vor einigen Jahren ganz zufällig an ihrer Plantage vorbeikam, sich genau hier, wo wir jetzt sitzen einen Kaffee bestellt hat und wie sie ihn dann aus der Not heraus gefragt habe, ob er ihr nicht helfen könne, den Kaffee direkt in Deutschland zu vertreiben.

 

Genau das hat er dann tatsächlich auch getan. Nach demselben Prinzip helfen Birthe und Christian Haase, die Gründer der MAYA Kaffeerösterei, in deren Auftrag ich hier drehe, Bauern in Mexiko, Guatemala und einigen anderen Ländern mit echtem Interesse und jährlichen Besuchen.

Kein Kunde zahle so fair, wie Jürgen, sagt Miyo, und keiner unterstütze sie so bei der Abwicklung der Transporte und beim verkauf der Bohnen, wie er. Ihr Kaffe ist dabei weder Fair Trade, noch Bio Zertifiziert, da diese Zertifikate mit hohen Mehrkosten verbunden wären. Doch das ändert nichts an Jürgens Engagement für sie und auch nichts an ihren Anbau und Erntemethoden.

 

Ich höre Miyo begeistert zu, als würde ich mich grade mit meinem Lieblings-Rockstar über sein neues Album austauschen. Es ist das Gefühl, wenn eine Welt, über die man schon so viel gehört hat, plötzlich greifbar wird.

Während meiner Schulzeit war ich in der FairTrade AG. Jede Woche habe ich von Projekten und Initiativen, das ganze einmal von der anderen Seite her zu hören, die Plantagen und die Emotionen der Bauern zu sehen, ist etwas ganz anderes.

Mit dem guten Gefühl, eine Erfahrung fürs Leben gemacht zu haben, verabschiede ich mich. Ich muss weiter, denn um 17 Uhr fährt der letzte Bus von Chiang Rai nach Chiang Mai, wo mein nächster Dreh ist und auf dem Rückweg nach Chiang Rai habe ich noch eine weitere Station auf dem Plan: den Wat Rong Khun.

Der Wat Rong Khun ist eine buddhistisch-hinduistische Tempelanlage und die bekannteste Sehenswürdigkeit Chiang Rais. Der Tempel, der noch lange nich fertig gestellt ist, ist strahlend weiß und quillt über vor Schnörkel und Verzierungen. Ich könnte versuchen, die Pracht zu beschreiben, stattdessen lasse ich lieber die Bilder für mich sprechen.

 

Vorher möchte ich jedoch noch erzählen, wie ich von der Plantage zum Wat Rong Khun gekommen bin, denn das war eine der anstrengendsten Abenteuer, die ich je erlebt habe und alles begann mit einer vermeintlichen Abkürzung.

 

Bei meinem Abschied, fragt mich Miyo, wo es für mich als Nächstes hin geht. Ich erzähle ihr von meinen Plänen, inklusive des Besuches des Wat Rong Khun. Sie sagt, es gebe eine Abkürzung. Ich müsse nur weiter der Straße folgen und mich dann rechts halten.

 

Also fahre ich in die mir beschriebene Richtung, Google Maps ignorierend, dass mich in die Richtung zurück schicken möchte, aus der ich gekommen bin. Das Signal ist immer noch recht schwach und reißt zwischen den Bergkuppen, über die ich fahre immer wieder ab, doch noch einiger Zeit hat mich Google Maps wieder und berechnet die Route neu. „In 200 Metern rechts halten“, tönt es nach einiger Zeit über meine Kopfhörer. Das deckt sich mit Miyos aussage, also biege ich rechts ab.

 

Die schmale Straße verläuft sich schon nach wenigen Metern in einem Lehmpfad. Durch die starken Regenfälle der letzten Wochen ist er tief zerfurcht, der reinste Hindernisparcours, mit den kleinen Rädchen meines Rollers, aber das hier soll ja schließlich auch eine Abkürzung sein. Nach 50 Metern habe ich bestimmt wieder Asphalt unter den Rädern und einen großen Umweg gespart.

Die 50 Meter werden zu hundert Metern, zu hunderten Metern, zu Kilometern.

Mit dem kleinrädrigen Stadt-Roller Offroad fahren
Mit dem kleinrädrigen Stadt-Roller Offroad fahren

Dabei kämpfe ich mich Meter um Meter voran. Die Sonne brennt inzwischen heiß vom Himmel. Sonnencreme habe ich keine dabei, da ich nicht erwartet habe, so viel Zeit in der Sonne zu verbringen.

 

Mehrfach denke ich drüber, umzukehren, doch ich bezweifle, dass ich den Weg zurück schaffen würde. Nach einem kurzen Aufstieg ging es kontinuierlich bergab, manchmal so steil, dass der Roller trotz voll durchgezogener Bremsen auf Staub und Schlamm weiter bergab geschlittert ist. Mehrfach fahre ich an steilen Hängen, zu dessen Kante es gut 90 Meter bergab geht. Mehrfach werde ich durch tiefe Schlammpfützen gezwungen, gefährlich nahe an dieser Kante zu fahren. Immer wieder muss ich beinahe-Stürtze mit den Füßen abfangen, denn das Profil der kleinen Roller-Reifen ist so mit Schlamm zugesetzt, dass er auf dem Weg hin und her driftet, wie auf Eis.

 

Mit dem Roller durch den Schlamm fahren
Mit dem Roller durch den Schlamm fahren

Meine Badelatschen haben inzwischen die Haut an den Seiten meiner Füße durchgescheuert. Eindeutig die falsche Schuhwahl für so ein Abenteuer.

Endlich sehe ich die rettende Straße, gut 500 Meter vor- und 100 Meter unter mir. Jetzt nochmal zusammen reißen und volle Konzentration!

 

 

Meine Euphorie hält nur kurz. 20 Meter weiter, hinter einer kleinen Biegung endet der Weg in einem Feld. Ich stelle den Roller ab, um das Feld zu Fuß abzuschreiten und zu sichten, ob es irgendeine Chance gebe, mit dem Roller durch den umliegenden Wald zu der, in der ferne sichtbaren Straße zu gelangen.

Endstation für den Roller - Der Weg endet am Feld
Endstation für den Roller - Der Weg endet am Feld

Ich gehe dabei sehr vorsichtig, plane meine Schritte genau und durchsuche mit dem Blick das Gestrüpp vor mir, um nicht auf eine der vielen giftigen Schlangen oder Skolopender zu treten, die diese Region bevölkern. Besonders die Monokelkobra, deren Gift lebensbedrohlich ist, ist in Thailand relativ häufig anzutreffen und liebt Gestrüpp und Plantagen wie diese. Neben der Gefahr direkter Bisse, erzählt man sich hier von Sichtungen der Speikobra, die ihre Opfer oder Angreifer auf drei Meter Entfernung mit gezielten Giftspritzern erblinden lässt.

 

Meine Augen, die ich gerne behalten möchte, nehme ich daher nur dann vom Boden, wenn ich kurz stehen bleibe, um mich umzuschauen und nach einem Weg zu suchen, wie ich vielleicht doch noch mit dem Roller zur Straße gelangen könnte.

 

Es ist aussichtslos. Durch den unbeforsteten Wald, der das Feld umgibt, würde ich nur kommen, indem ich den Roller trage, doch spätestens dahinter wäre endgültig Endstation. Ich entdecke einen Fluss, der den Wald am tiefsten Punkt von der Straße trennt, die ich vorhin gesehen habe. Diesen würde ich mit dem Roller unmöglich überqueren können.

Durstig, mit aufgesprungenen Lippen und brennender Haut, muss ich einsehen, was ich die letzten 45 Minuten bereits befürchtet habe: Ich muss umkehren.

Erfrischende Ananas zum greifen nahe, aber ohne Messer kaum zu gebrauchen
Erfrischende Ananas zum greifen nahe, aber ohne Messer kaum zu gebrauchen

In den Top 10 der anstrengendsten Erlebnisse meines Lebens, sind bisher unter anderem:

 

 

- Ein 20 Kilometer langer Abstieg in den Alpen, mit verstauchtem Knöchel

 

- Das an die Straße tragen von zwei kompletten Reiseausrüstungen und zwei Booten, mit Lebensmittelvergiftung

 

- Das Einpacken meines klitschnassen Schlafsacks total unterkühlt, um vier Uhr morgens, bei Minusgraden in Luxemburg

und viele andere Erfahrungen, die ich vor allem bei meinen Tramp-Reisen gemacht habe.

 

Der Rückweg mit dem Roller schafft es aber definitiv mit in die Liste der anstrengendsten Abenteuer. Ich selbst habe weder mit den glatten Sohlen der Badelatschen auf dem Schlamm, noch mit meinen Füßen in den Badelatschen wirklichen halt. Der Roller, der selbst bei den Stücken mit festem Untergrund kaum stark genug ist, sich selbst die steilen Hänge hinauf zu schieben, schlittert die meiste Zeit nur nutzlos hin und her.

Eine willkommene Verschnaufpause - ein kleiner fahrbarer Abschnitt
Eine willkommene Verschnaufpause - ein kleiner fahrbarer Abschnitt

Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis wir uns mit vereinten Kräften, am Ende unserer Energie, zurück auf die Straße schieben. Mir ist schwindelig vor Durst und auch die Tanknadel des Rollers steht auf leer.

 

Ich hieve mich auf den Roller, etwa so wie sich ein Indianer im wilden Westen nach der Schlacht auf sein Pferd gezogen hätte und drehe am Gas. Ganz leer scheint der Tank zum Glück noch nicht zu sein. Der Motor summt und trägt mich die Straße zurück in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Der Fahrtwind ist angenehm, besonders, wenn die schmale Straße durch feucht schattige Waldabschnitte führt.

Mit fast leerem Tank erreiche ich die Tankstelle. Münztankstelle, auch mal ein interessantes Modell.
Mit fast leerem Tank erreiche ich die Tankstelle. Münztankstelle, auch mal ein interessantes Modell.

Den Zwischenstopp am Wat Rong Khun lasse ich mir nicht nehmen, auch wenn dieser durch die Verzögerung sehr kurz ausfällt. Klicke dich gerne durch die Bilder und verschaffe dir einen Eindruck von diesem einzigartigen Kunstwerk!

Was man auf den Bildern nicht sieht, ist der Innenraum des Haupttempels, denn in diesem ist das Fotografieren verboten. Die Wände in diesem sind kunterbunt bemalt, wie man es von Hinduistischen und Buddhistischen Gemälden kennt. Erst auf den zweiten Blick stelle ich fest, dass etwas anders ist. Statt Götterbildern zieren Michael Jackson, Iron Man und co. die Wände. Was im ersten Moment wie ein witziger Scherz wirkt, macht wenn ich so drüber nachdenke durchaus Sinn. Schließlich sind die Menschen früher mit den religiösen Geschichten aufgewachsen so, wie wir heute mit Hollywood aufwachsen. Die Götter waren ihre Superstars so wie Schauspieler und Sänger die unseren sind.

Ein selbst gebastelter Flip-Flop - Fundstück auf dem Rückweg
Ein selbst gebastelter Flip-Flop - Fundstück auf dem Rückweg

Was man auf den Bildern nicht sieht, ist der Innenraum des Haupttempels, denn in diesem ist das Fotografieren verboten. Die Wände in diesem sind kunterbunt bemalt, wie man es von Hinduistischen und Buddhistischen Gemälden kennt. Erst auf den zweiten Blick stelle ich fest, dass etwas anders ist. Statt Götterbildern zieren Michael Jackson, Iron Man und co. die Wände. Was im ersten Moment wie ein witziger Scherz wirkt, macht wenn ich so drüber nachdenke durchaus Sinn. Schließlich sind die Menschen früher mit den religiösen Geschichten aufgewachsen so, wie wir heute mit Hollywood aufwachsen. Die Götter waren ihre Superstars so wie Schauspieler und Sänger die unseren sind.

 

Weiter geht’s zum Motorrad Verleih, die Schlüssel des von unten bis oben eingeschlammten Rollers an die grimmig guckende Besitzerin übergeben und direkt weiter zur Busstation. Der Bus ist recht komfortabel und so schlafe ich prompt ein. Vier Stunden später falle ich auf mein Bett in Chiang Mai, dreckig, mit Sonnenbrand und verknoteten Haaren, mit aufgeschürften Füßen und einem Lächeln auf den Lippen. Was für ein Abenteuer, was für ein Tag!

Im Bus von Chiang Rai nach Chiang Mai
Im Bus von Chiang Rai nach Chiang Mai

So schlafe ich tief und fest, als der neue Tag anbricht. Und auch, wenn er für mich etwas später beginnt, als der letzte, steht fest: Langweilig wird auch dieser Tag nicht.

Hier das fertige Video für die MAYA Kaffeerösterei. Ich finde, die Arbeit hat sich gelohnt!

Wenn du jemanden kennst, der ebenfalls ein professionelles Video für sein Business gebrauchen kann, wirf gerne einen Blick auf meine Website.
Jannis' Production

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